Urlaub to hus – in Reinfeld am Herrenteich (eine Kurzgeschichte)

Ein Märchen, das im Sommer spielt. Autor © Susanne Braun-Speck, 2015

So könnte es sein, wenn Reinfeld aus dem Dornröschenschlaf erwacht ist …

31,5 Grad Außentemperatur zeigte das Thermometer an. Stefan fuhr alle Fenster bis zum Anschlag runter. Sofort wehte ein Hauch von Sommer durch das Familienauto der Hamburger. Die Kinder auf dem Rücksitz, die 11jährige Amy  und der 9j Nick, streckten Kopf und Arme hinaus.

„Kinder – hört mit dem Blödsinn auf. Das ist doch gefährlich!“ rief ihre Mutter Nicole. Ärgerlich drehte sie an der Klimaregelung herum. „Wann lässt Du das Ding endlich reparieren?“ maulte sie ihren Mann an. Stefan zuckte mit den Schultern. „Nächste Woche?“

„Papa, es stinkt!“, rief Amy. „Ja, diese Abgase sind fürchterlich!“ betonte Nicole und warf einen missmutigen Blick auf den unendlich langen Stau von ihnen. Das Radio wurde lauter. Verkehrsnachrichten. „Auf der A1 hat sich der Stau zwischen Hamburg und Lübeck Richtung Ostsee auf 21 km aufgestaut. Das Abfahren auf Nebenstrecken wird empfohlen.“

„Wo sind wir jetzt?“, wollte Nick wissen. „Kurz hinter Oldesloe“, sagte Stefan. „Oh nee, dann haben wir noch ja viele Kilometer Stau vor uns!“, rief Nick. Als Hamburger Jung kannte er sich gut in der Gegend aus und wusste so ungefähr, wie weit es noch bis zur Ausfahrt Lübeck-Travemünde war.

„Mama, Mama, guck mal!“, rief Amy und wedelte wild mit der Hand am Fenster herum. Sie zeigte auf ein Plakat, welches von weither zu sehen war. Kinder in kleinen Segelbooten waren darauf und in riesigen Lettern stand geschrieben „Urlaub to Hus – fahr Reinfeld ab“.

Auf halber Strecke dem Stress entkommen

„Fahr ab, Papa!“, brüllte Nick. Das Bild vom Kletterpark auf dem Plakat hatte er im Vorbeifahren geradeso noch erkannt. Stefan blickte seine Frau an – die nickte und murmelte: „Tausendmal besser, als bei schönstem Wetter im Auto vor Hitze zu zerfliessen!“ Stefan nahm die Ausfahrt Reinfeld, sobald der kriechende Verkehr es ihm möglich machte. Das dauerte eine Weile. Auch an der Kreuzung vom Autobahnzubringer ging es noch im Schneckentempo voran, aber dann …

„Dort ist ein Wegweiser ‚Herrenteich-Park ‘. Fahr einfach geradeaus“, meinte Nicole. „Was das wohl zu bedeuten hat?“, fragte Stefan. „Auf jeden Fall bedeutet das: Wir können raus und stehen nicht länger in diesem Scheißstau!“ blaffte Nick. „Ob wir da auch schwimmen können? Darf ich mit so einem Boot fahren?“ fragte Amy sehnsuchtsvoll.

„Mal sehen, was das kostet“, antwortete Stefan sachlich. „Wartet ab. Schaut, da sehe ich schon Wasser durch die Häuser blitzen“, meinte Nicole, und: „Sieht so aus, als wenn hier heute Abend auch ein Geschenk für Oma finden werden – hier sind ganz viele kleine Geschäfte!“ „Mmm. Das Rathaus ist schön – toller alter Bau“, erwähnte Stefan, als er das Auto den Berg zum Herrenteich langsam runterrollen ließ.

„Guckt mal da, da sind die kleinen Boote! Können wir endlich parken?“, rief Amy ungeduldig. Ihr Hund Aki, der hechelnd vor ihrem Sitz auf dem Boden lag, zuckte erschrocken zusammen. Sie hatte ihn vor Aufregung fast getreten.

Stefan bog links ab und fuhr auf den Parkplatz gegenüber von der Herrenteich-Promenade. „50 Cent/Stunde. Das Parken ist hier zum Glück nicht teuer. Aber es sieht so aus, als müssten wir ein Stückchen laufen“, meinte Nicole. „Welch ein Glück. Dies lange Herumsitzen in der Hitze macht einen ja fertig!“ stellte Nick fest und sprang aus dem Auto, bevor der Motor aus war.

Herrenteich-Park – Urlaub to Hus

„Ach, schau mal. Hier ist ja sogar ein Restaurant, wo man lecker Fisch essen kann. Da können wir hingehen, bevor wir heute Abend nachhause fahren!“ meinte Nicole. „Nun erst einmal abwarten“, erwiderte Stefan. „Vielleicht gefällt es uns hier garnicht und wir hauen gleich wieder ab?“

Die Kinder liefen vor und riefen: „Nehmt die Strandsachen mit. Hier kann man wirklich schwimmen gehen!“ Stefan öffnete die Heckklappe und Nicole holte zwei Taschen heraus. „Trinken und Essen haben wir dabei?“, fragte er. Sie antwortete: „Ja, sicher. Habe ich zuhause ja alles für den Strand gepackt.“ Die Eltern folgten ihren Kindern. Es waren kaum noch Parkplätze frei. „Wenn noch mehr wie wir aus dem Stau flüchten, ist es hier bald voll“, meinte Stefan. „Los jetzt. Ich freue mich aufs kühle Nass“, trieb Nicole ihren Mann an.

Auf der Promenade parkte ein Eiswagen – umzingelt von Kindern. Holzliegen standen drum herum mit Blick auf den Herrenteich. Unter Schirmen aßen Jung und Alt ihr Eis. Amy und Nick hatten längst ihre Schuhe ausgezogen und ließen ihre Füße ins Wasser baumeln. Ihr Hund versuchte, mit dem Kopf soweit runterzukommen, dass er trinken konnte. Amy hielt ihn fest.

„Eis???“, fragte Stefan und stellte sich in die Reihe vorm Eiswagen. „Ja!!!“ riefen die Kinder einstimmig und Nicole nickte. „Da drüben müssen wir hin!“ erklärte sie und zeigte Richtung Badeanstalt. Auf dem Schild links von ihnen waren viele Fotos mit Untertiteln „Forscherstation“, „Kletterpark“, „Bootsanleger“, „Hundeauslauf“, „Landcafé“ und „Sauna“. “

„Alles außer Sauna – die hatten wir heute schon – klingt gut!“, meinte Nicole. „Ich würde echt gerne klettern – unter den Bäumen ist es bestimmt schön kühl“, forderte Nick. „Und ich möchte schwimmen und Boot fahren!“ wünschte sich Amy erneut. „Also – ich für meinen Teil hätte gerne ein kühles Alsterwasser“, sagte Stefan und bezahlte das Eis.

Nicole griff sich einen Flyer aus einem Aufsteller und dann gingen sie weiter. Sie las vor: „Für jeden Etwas. Lassen Sie es ihrer Familie gut gehen“, und rief dann: „Genial! Im Hundeauslauf gibt es sogar eine Betreuung. Am besten ist, wir bringen Aki dahin. Dann können wir machen, was wir wollen.“

Gesagt getan. Die 4köpfige Familie wanderte auf dem Herrenteich-Weg am Landcafe vorbei, wo vor allem ältere Leute im Schatten alter Bäume saßen. Als sie um die Badeanstalt herumliefen und das Eis aufgegessen war, hatten sie schon deutlich bessere Laune, als vorher im Stau … Der angenehm warme Wind hatte die durchgeschwitzte Kleidung etwas getrocknet. Sie fühlten sich fast wieder wie Menschen.

Stefan steuerte gezielt auf den Hundeauslauf zu. „Also: so was Geniales habe ich noch nie gesehen. Ein Hundeauslauf mit Spielwiese, ein bisschen Wald und Zugang zum See? Aki kann schwimmen gehen! Ist ja toll und garnicht so teuer“, meinte Nicole und zeigte auf das Preisschild am Eingang. Eine freundliche Jugendliche kam auf sie zu und fragte: „Möchten Sie bleiben oder ihren Hund von uns betreuen lassen?“

Aki zerrte an der Leine. Er wollte da rein. „Gerne betreuen lassen. Das kostet 3,- Euro pro Stunde?“ fragte Stefan. „Ja. Sie bezahlen aber erst bei Abholung. Dann sehen wir, wielange sie ihn wirklich hiergelassen haben. Komm, Aki. Komm!“ lockte die Betreuerin. Stefan löste die Leine und Aki flitzte los. Zwei andere Hunde kamen sofort angerannt. Stürmisch begrüßten sie ihn und jagten dann gemeinsam ins Wasser. „Bitte füllen Sie dieses Papier aus. Das ist vor allem für einen eventuellen Versicherungsfall wichtig, und damit ich Sie im Notfall anrufen kann“, sagte die Hundebetreuerin. Das erledigte Nicole.

Fünf Durchschläge hingen daran. „Warum gibt es soviel Durchschläge?“, fragte sie. „Ganz einfach. Sie brauchen ihre Daten nur einmal angeben und können dafür alles nutzen. Heißt: Sie brauchen z.B. beim Kletterpark nicht wieder ein Formular ausfüllen, wenn ihre Kinder klettern möchten. Sie füllen einfach nur die nächste Zeile, mit den Namen ihrer Kinder aus, fertig. Ach ja, und sie bezahlen abschließend alles zusammen und nicht x-Mal einzelnd.“ Stefan nickte positiv überrascht. „Das nenne ich eine gute Organisation!“

Aki spielte und wirkte glücklich. Nick war längst losgerannt und wartete am Info-Stand des Kletterparks. Nicole dachte garnicht mehr über Preise nach und füllte schon die nächste Zeile des Formulars aus. „Darf ich nun? Dann habt ihr stundenlang Ruhe vor mir!“, argumentierte Nick. Stefan lachte. Nicole war fertig. „Oh ja, die Ruhe kann ich brauchen!“

Nick jubelte und stellte sich in die Warteschlange. „Hast du dein Handy dabei?“, rief sein Vater hinterher. „Ja. Ich rufe an, wenn ich keine Lust mehr habe!“ „Na, das kann dauern“, meinte Amy. Die wusste, dass ihr wilder Bruder stundenlang klettern konnte. Nicole gab am Info-Stand einen Durchschlag des Formulars ab und fragte noch, ob die Kinder beaufsichtigt wurden. Ja, sicher.

„Schwimmen?“, fragte Nicole ihre Tochter. Amy nickte und meinte: „Ja, und Bootfahren!“ Stefan mischte sich ein: „Okay … Ich schlage vor, erst gehst du mit Mama eine Runde schwimmen – ich trinke derweil mein Alsterwasser in der schicken Cafebar da vorne.“ – und zeigte aufs Wasser. Dort lag, an einem langen Steg gebunden, ein anmutiges Hausboot. Oben stand dran: „Cafébar mit Lounge“. Auf dem Deck standen Tische und Stühle; auf dem Dach war der Chill-Bereich. „Ist das schön!!!“ unterbrach Nicole ihn begeistert. Stefan nickte und sprach weiter: „Und danach kann Mama in der Sonne liegen und lesen – in der Badeanstalt sind sogar Liegen – und ich gehe mit dir Bootfahren.“ Amy hüpfte vor Freude und rief „Jaaa!“ Jetzt war sie es, die vorrannte.

Ihre Eltern schlenderten gemütlich hinterher. Nicole las im Prospekt weiter und klärte Stefan auf: „Hier gibt es auch noch eine Forscherstation, wo Geburtstage mit Kindern gefeiert werden können. Das wäre doch was für Amy und ihre Freundinnen. Während du mit Nick an einem Angelkurs teilnimmst. Ist das nicht einer dieser uralten Träume von Vätern? Irgendwann mal mit ihren Söhnen zum Angeln zu gehen? Ach, und im Herbst muss ich unbedingt mal die Sauna-Anlage ausprobieren. Schau dir mal die Fotos an!“ Nicole schwärmte geradezu über die Entdeckung dieses Tages.

„Tja, wer hätte das gedacht, dass Reinfeld sowas zu bieten hat? Zum Glück können wir auch über Land von Hamburg hierher fahren – scheint ja so, als wenn wir jetzt des Öfteren herkommen“, meinte Stefan prakmatisch und bog Richtung Cafébar ab. Amy und Nicole strebten zur Badestelle. „Bis gleich, Papa“, rief Amy noch. Es schien so, als wenn es doch noch ein wunderbarer Tag werden würde …

Ein Geschichte vom „Herrenteich-Park – Urlaub to Hus“.

Autor © Susanne Braun-Speck, 2014

 

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